Chaos & Creation at Abbey Road

Wie konnten die Beatles mit der damals aktuellen Vierspur-Aufnahmetechnik komplexe Produktionen wie das Sgt.-Pepper-Album realisieren? Was ist ein Mellotron, und wofür wurde es benutzt? Und wie entsteht überhaupt ein Song?

Wer wäre besser geeignet, solche und ähnliche Fragen zu beantworten als Ex-Beatle Sir Paul McCartney? Und welcher Ort käme dafür eher in Frage als das berühmte Studio 2 an der Abbey Road, in dem die Beatles außer Let It Be alle ihre Alben produziert und einen erheblichen Teil ihrer Zeit verbracht haben? Die filmische Dokumentation dieses außergewöhnlichen Events aus dem Jahr 2005 war vorgestern im Spätprogramm des MDR zu sehen. Und – soviel vorweg: Das Aufbleiben hat sich gelohnt.

Man merkt Paul McCartney an, dass er sich wohlfühlt. Gut gelaunt und mit viel Humor erzählt er in familiärer Atmosphäre beispielsweise von dem Moment, als er diesen Raum 1962 für die Aufnahme von Love Me Do das erste Mal betreten hat. Oder von der ersten Aufnahme überhaupt, die er, John und George, ein Pianist namens Duff und ein Schlagzeuger namens Colin noch in der Zeit vor den Beatles als junge Burschen in einem kleinen Studio in Liverpool auf eigene Kosten eingespielt hatten:

Jeder von uns bezahlte ein Pfund, um diese kleine Schellackplatte zu machen. Und wir vereinbarten, dass jeder von uns sie für eine Woche behalten durfte. Also hatte ich sie für eine Woche, George hatte sie für eine Woche – und Duff hatte sie 23 Jahre lang.

Natürlich spielt er den entsprechenden Song dann auch und bezieht das Publikum dabei ein. Aber McCartney ist keiner, der in der Vergangenheit lebt. Schließlich hatte er 2005 gerade sein neues Album „Chaos & Creation In The Backyard“ aufgenommen, was übrigens auch den Titel des Films erklärt. Und so bringt er seinen Produktionspartner Nigel Godrich ins Spiel und führt mit diesem an einem alten EMI-Mischpult vor, wie es zu dem Song How Kind Of You gekommen ist.

Besonders interessant wird es, als McCartney sich in die Ecke mit der originalen Studer J37 Bandmaschine begibt und anhand einer speziell für die BBC produzierten Version des Wings-Titels Band On The Run demonstriert, wie bei der Produktion von Sgt. Pepper mit der 4-Spurtechnik gearbeitet wurde. Dazu nimmt er auf drei Spuren den Klang von Weingläsern und einem Harmonium auf und erklärt, dass diese drei Spuren dann zusammen auf die vierte überspielt wurden, so dass sie wieder für weitere Instrumente und Effekte frei waren. Dieses „Heruntermischen“ war sehr aufwändig und mit Qualitätseinbußen verbunden, aber es ermöglichte den Beatles ihre für die damalige Zeit außergewöhnlich komplexen Aufnahmen und Klangexperimente.

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Der überdurchschnittlich Musikinteressierte mag das alles im Prinzip schon gewusst haben. Es ist jedoch ein Unterschied, darüber zu lesen oder es von einer lebenden Legende wie Paul McCartney an Original-Eqiupment aus den 60ern so hautnah gezeigt zu bekommen. Vielleicht einer der Höhepunkte des Abends, trotz der musikalischen Belanglosigkeit der beispielhaft erzeugten Klänge.

Zwischendurch spielt McCartney natürlich immer wieder den einen oder anderen Song, alte wie neue, unplugged quasi, nur an der Gitarre oder am Flügel. Dabei wird wohl auch dem letzten Zuhörer klar, dass der Ex-Beatle nicht nur ein herausragender Songwriter ist, sondern auch ein exzellenter Musiker und großartiger Sänger.

ELVIS LEBT

Letzteres gilt zweifellos ebenso für Elvis Presley, und auch dessen Fans kommen auf ihre Kosten, als McCartney mit gespielter Heimlichtuerei den Original-Bass präsentiert, mit dem Bill Black den großen Elvis lange Zeit begleitet hat. Und als Paul an eben jenem Bass zu zupfen beginnt und unvermittelt Heartbreak Hotel intoniert, da meint man für einen kurzen Augenblick, Elvis stünde persönlich dort und würde die Hüften schwingen.

Interessant auch McCartneys Vorführung des Mellotrons, einer Art Vorläufer des Synthesizers. Es arbeitet mit Endlosbändern, die mit verschiedenen Klängen, Instrumenten und Rhythmen bespielt sind und über eine klavierähnliche Tastatur abgerufen werden. So lassen sich mit einem einzigen „Instrument“ relativ komplexe Sounds erzeugen. Natürlich haben auch die Beatles seinerzeit damit herumexperimentiert und es unter anderem für das unverwechselbare Intro zu Strawberry Fields benutzt. Später kam es noch bei vielen anderen Bands wie Pink Floyd, Moody Blues oder 10cc zum Einsatz, bis es ab Ende der 70er Jahre allmählich von elektronischen Samplern und Synthesizern abgelöst wurde. Es soll aber noch heute gelegentlich zur Vertonung von Filmen genutzt werden.

Zum Finale beweist McCartney dann noch einmal sein Talent als vielseitiger Instrumentalist, indem er nacheinander mit Schlagzeug, Flügel, Bass-, Rhythmus und Leadgitarre verschiedene Loops einspielt und das Ganze dann mit einem improvierten Bluesrock-Gesang vervollständigt. So ähnlich muss es gewesen sein, damals beim „White Album“ der Beatles, als die vier schon zerstritten waren und McCartney einige seiner Songs komplett alleine eingespielt hat.

Und dann sind sie auch schon vorbei, die 60 Minuten von „Chaos & Creation at Abbey Road“, einem großartigen kleinen Filmdokument, das selbst den Verfasser dieser Zeilen als langjährigen Beatles-Fan überrascht und begeistert hat. Es sei aber generell all jenen empfohlen, die sich über den reinen Konsum hinaus für Musik interessieren und gerne mal hinter die Kulissen schauen. So nah kommt man nur selten ran. Dem MDR gebührt der Dank, den Film (wieder-) entdeckt und mit deutschen Untertiteln ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gebracht zu haben.

Heute Nacht (2./3. Juni) läuft er ab 0:25 Uhr noch einmal als Wiederholung auf MDR.

Ansonsten ist der Film auch komplett bei YouTube zu finden, allerdings ohne deutsche Untertitel: http://www.youtube.com/watch?v=9elQeVfrLOo

 

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