Schlecker-Frauen haben’s gut

Uta Glaubitz ist selbständige Berufsberaterin und als solche offenbar viel unterwegs. Denn für ihre Einzelberatungen „kommen alle Städte in Frage, die einen ICE Bahnhof haben.“ Damit scheiden zwar schon mal viele Schlecker-Standorte aus, aber das Schicksal der Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriekette beschäftigt Frau Glaubitz trotzdem. Manchmal ist es ja gut, etwas Abstand zu haben. Und da sie auch Autorin und der Bedarf an journalistischer Billigware groß ist, schreibt sie darüber. Das Ergebnis ist ein ausgesprochen zynischer Text, der auch aus der FDP-Parteizentrale stammen könnte. Dankbarer Abnehmer: Spiegel Online.

Heute schließen die Schlecker-Filialen für immer – und 13.200 Beschäftigte verlieren ihren Job. Aber ist das wirklich so schlimm? Das vielerorts geäußerte Mitleid ist nichts anderes als Verachtung, findet die Berufsberaterin Uta Glaubitz.

Ja, es ist schlimm, wenn Menschen ihren Job verlieren. Vielleicht nicht für eine selbständige Berufsberaterin oder SPON-Redakteure, aber für die Betroffenen und ihre Familien.

Sicher, Unternehmen gehen pleite, Geschäfte schließen. Das gehört in unserem Wirtschaftssystem dazu und lässt sich in den meisten Fällen nicht verhindern. Aber es bedarf schon einer gehörigen Portion Chuzpe, das Bedauern über den Verlust von Arbeitsplätzen als „Verachtung“ der betroffenen Mitarbeiterinnen zu interpretieren, um damit seiner eigenen neoliberalen Weltanschauung einen Anschein von Menschlichkeit zu geben.

Es ist vielmehr die Autorin selbst, die den „Schlecker-Frauen“ offenbar sehr wenig zutraut, indem sie ihnen unterstellt, dass sie bisher einfach zu blöd oder zu faul waren, sich einen anderen, besseren Job zu suchen, obwohl die doch angeblich quasi auf der Straße liegen:

Die Schlecker-Frau dagegen dachte gar nicht daran, sich bemitleiden zu lassen. Sie wusste, dass sie kassieren kann – und zwar nicht Hartz IV, sondern im Laden. Sie würde sich einen neuen Job suchen: zum Beispiel in einem anderen Drogeriemarkt. Oder bei Kaufhof, bei Rewe, bei Douglas. Und vielleicht wären dort ihre Arbeitsbedingungen sogar besser.

Ja, vielleicht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass viele der „Schlecker-Frauen“ in ihrer Region nicht so leicht einen neuen Job finden werden und bei der Suche danach in jeder Hinsicht große Zugeständnisse machen müssen. Denn im Gegensatz zu Frau Glaubitz kann man sehr wohl davon ausgehen, dass die betroffenen Frauen ihre Gründe hatten, dort und nicht woanders zu arbeiten.

Das Perfide an der Argumentation: Man erklärt die Betroffenen scheinheilig zu super qualifizierten und tollen Mitarbeitern,  die ganz sicher in kürzester Zeit einen neuen prima Job finden werden und deshalb gar kein „Mitleid“ nötig haben.  Und wenn es dann doch nicht klappt mit dem Job – tja, dann muss es zwangsläufig an ihnen liegen. Nicht genug angestrengt. Daran kann man nun wirklich nichts ändern.

Die Autorin befremdet aber nicht nur mit ihrer kaltschnäuzigen Man-muss-nur-wollen-Attitüde, sondern auch mit fragwürdigen Ansichten zum Thema „Augen auf bei der Berufswahl!“:

Zu Erzieherinnen und Altenpflegerinnen dürfe man sie auf keinen Fall umschulen, allein der Vorschlag sei “ein Schlag in die Magengrube”, so Ursula Günster-Schöning, Beraterin für pädagogische Einrichtungen, in der “Süddeutschen Zeitung”. Erzieherinnen bräuchten nämlich “eine innere Haltung, Empathie, Neugierde, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln”. Kurz: Dazu sind die Schlecker-Frauen zu tumb.

Auch dies eine Interpretation, die man mit viel Wohlwollen bestenfalls als verwegen bezeichnen könnte. Denn die Aussagen Ursula Günster-Schönings muss man keineswegs so verstehen, dass „Schlecker-Frauen“ für pädagogische oder pflegerische Tätigkeiten per se ungeeignet, geschweige denn „zu tumb“ wären. Sie weist in dem Interview mit der Süddeutschen lediglich zu Recht darauf hin, dass es dazu neben umfangreicher fachlicher Qualifikation auch gewisser persönlicher Eigenschaften bedarf, es also Unsinn wäre, aus Verkäuferinnen mal eben per staatlich organisierter Massen-Umschulung Erzieherinnen machen zu wollen, nur weil das statistisch gerade so schön passen würde.

Eine Berufsberaterin, die Arbeitnehmer nicht als Menschen mit individuellen Neigungen und Fähigkeiten, Stärken und Schwächen sieht, sondern als arbeitsmarktpolitische Masse, die je nach Bedarf hierhin oder dorthin verschoben werden kann. Heute Verkäuferin bei Schlecker, morgen Erzieherin im „Kinderland“. Der Markt wird’s richten. Eine individuelle Betrachtung und Würdigung der persönlichen Fähigkeiten, Wünsche und Lebensumstände ist offenbar denen vorbehalten, die bereit und in der Lage sind, das vermutlich nicht geringe Honorar einer professionellen Berufsberaterin zu bezahlen.

Auf ihrer Website nennt Uta Glaubitz Beispiele von Leuten, die das getan haben: Die Informatikerin, die heute erfolgreich Elbtouren veranstaltet, der Biologe, der seinen Traum vom eigenen Weingut verwirklicht hat, eine Journalistin, die ihre leitende Position aufgibt und sich zur Försterin ausbilden lässt – lauter schöne Geschichten von erfolgreichen Menschen, die sich aus einer gesicherten beruflichen Existenz heraus neu orientiert haben und jetzt ihren Traum leben.

In die Arbeitslosigkeit entlassene Drogeriemarkt-Verkäuferinnen aus Pleite-Unternehmen kommen darin nicht vor.

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