Urheberrecht und so. Wieder mal.

Es ist ja gerade „in“, eine Meinung zum Thema Urheberrecht zu haben. Und hat man erst mal eine, dann nimmt man zu ihrer Bestätigung, was man kriegen kann. So auch der Autor und Blogger Malte Welding, der gestern auf Twitter mit dem plakativen Versprechen „Hintergründe zum Urheberrecht“ einen Text des Komponisten Walter Thomas Heyn bewarb. Titel: „Künstler, Verwerter und Piraten“.

Leider ist auch dieser Text eine einzige Enttäuschung. Denn er bietet keine neuen Aspekte, geht wieder mal von völlig falschen Voraussetzungen aus und damit auch an jedem relevanten Thema vorbei. Begründung? Bitte sehr:

Und es gibt viel[e] Künstler, viel mehr, als man denkt. Deshalb ist die Anstrengung der politischen Kräfte so groß, zwischen diese beiden Gruppen [Künstler und Piraten] unbedingt einen Keil treiben zu müssen.

Den Keil, lieber Walter Thomas Heyn, treiben nicht irgendwelche ominösen „politischen Kräfte“, sondern die Piraten selbst mit ihrer Kernforderung, „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern“. Denn das würde de facto eine Abschaffung des Urheberrechts bedeuten und den Künstlern die Existenzgrundlage entziehen. Die Einschränkung auf „nichtkommerzielle“ Nutzung klingt zwar sympathisch, hat aber insofern keine praktische Bedeutung, als die Konsumenten von Musik, Filmen und Unterhaltungsliteratur im wesentlichen ja nun mal Privatpersonen, also nichtkommerzielle Nutzer sind.

Es wird sicher so sein, dass manche Künstler bestimmte politische Ansätze der Piraten teilen. Warum auch nicht? Das gilt vermutlich auch für andere Parteien. In einer für beide Gruppen existenziellen Frage verfolgen sie jedoch vollkommen gegensätzliche Interessen. Dazu muss man wirklich keine politischen Ränkespiele herbeidichten. Doch damit nicht genug. Heyn weiter:

Sonderbarerweise kommt niemand auf die Idee, das Problem unter dem Gesichtspunkt von Angebot und Nachfrage zu betrachten.

Doch. Eigentlich alle – außer den Piraten und ihren Sympathisanten. Denn sie sind es doch, die das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage für die Kulturwirtschaft in Frage stellen, nicht die Künstler.

Das Scheitern, das Sich-nicht-am Markt-durchsetzen-können gehört übrigens zum Berufsrisiko Künstler dazu.

Eben. Dazu müsste es aber auch weiterhin einen Markt geben, und den wollen nicht die Künstler abschaffen, sondern die Piraten (siehe oben: kein Urheberrecht, keine Käufer, kein Markt).

Wie viele andere vor ihm suggeriert Heyn – oder denkt er das wirklich? -, die Künstler würden eine Garantie für ihr finanzielles Auskommen fordern. Das tun sie aber nicht. Sie fordern lediglich dieselben Chancen zur Vermarktung ihrer immateriellen Produkte wie alle anderen Branchen. Diese Chancengleichheit wird derzeit durch das Urheberrecht gewährleistet.

Entsprechend waren die jüngsten Statements und PR-Aktionen der Künstler bzw. Urheber lediglich eine Reaktion auf die immer lauter werdenden Rufe nach Abschaffung bzw. Schwächung des Urheberrechts. Hätte Heyn das verstanden und würde er seiner eigenen Der-Markt-wirds-regeln-Argumentation konsequent folgen, dann müsste er das Anliegen seiner Künstler-Kollegen eigentlich vehement unterstützen.

„Dahinter stehen die knallharten Verwertungs -und Vermarkungsinteressen der Medienindustrie. Und die ist zunehmend in der Lage, ihre Interessen und die Interessen ihrer Künstler zu schützen. Der prophezeite Kollaps ist nämlich ausgeblieben. Es gäbe eine fühlbare Entspannung, sagte Dieter Gorny vom Bundesverband der Musikindustrie auf der Jahrespressekonferenz (Berliner Zeitung vom 20.4.12, S.23).“

Die Verwertungs- und Vermarktungsinteressen der Medienindustrie sind genauso „knallhart“ wie in jeder anderen Branche. Der semantisch nicht ganz korrekte, aber dennoch treffende Begriff „Industrie“ weist zudem richtigerweise darauf hin, dass es hier um eine wichtigen Wirtschaftszweig mit mehreren hunderttausend Beschäftigten geht. Ja, es stimmt: Die „Musikindustrie“ als Teil dieses Zweiges hat zuletzt zugelegt und rechnet für 2012 erstmals wieder mit leichtem Wachstum, insbesondere dank gestiegener Zahlen bei den legalen, sprich bezahlten Downloads. Bei jeder anderen Branche würden wir uns über solche Nachrichten freuen.

Nur: Das alles geschieht ja unter den Bedingungen des bestehenden Urheberrechts. Ein gesunder Menschenverstand wird daraus kaum schließen, dass alles genauso gelaufen wäre, wenn es das Urheberrecht nicht gäbe. Das wäre so, als würde man die Abschaffung der Straßenverkehrsordnung fordern und damit begründen, dass es bisher ja auch schon zahlreiche Regelverstöße gegeben, der Straßenverkehr aber trotzdem ganz gut funktioniert hat.

Er hat funktioniert, weil sich eine deutliche Mehrheit an die bestehenden Regeln gehalten hat. Man muss kein Prophet oder Hellseher sein, um sich vorzustellen, was eine Abschaffung oder deutliche Schwächung des Urheberrechts im Sinne der Piraten für Folgen hätte:

Tauschbörsen und Download-Plattformen, die derzeit ein von großen Teilen der Bevölkerung unbeachtetes Dasein in den Schmuddelecken des Netzes fristen, würden wie Pilze aus dem Boden schießen, wohlklingende Namen und attraktive Benutzeroberflächen haben, einfach zu bedienen sein und mit Sicherheit bald zur Grundausstattung eines jeden Computers gehören. Auf Wikipedia, Blogs und Websites würden Beschreibungen und Rezensionen von Musikalben, Filmen und Literaturtiteln gleich mit Links zum legalen, kostenlosen Download verknüpft …

Kurzum: Wenn alles kostenlos zu haben wäre, gäbe es zwar viele dankbare Nutzer, aber keine Käufer mehr. Das würde zum Kollaps führen. Und den will auch Walter Thomas Heyn vermutlich nicht. Aber was will er dann? Was bezweckt er mit seinem Text? Es bleibt ein Rätsel.

Wollte er vielleicht auch einfach mal Dampf ablassen, sich den Frust von der Seele schreiben? Kann man ja mal machen. Künstler, Piraten, Urheberrecht, Musikindustrie – das ist eine publikumswirksame Mischung. Obwohl – da fehlt doch noch was. Na klar, die GEMA:

Die GEMA, die Verwertungsgesellschaft, die die Komponisten vertritt, hat durch Einführung des sog. „Pro-Verfahrens“ (ein mathematisches Hochrechnungsmodell) in den letzten 10 Jahren allen kleinen Bands, Jazz-Combos, Liedermachern (also den Vertretern der „U-Musik“) einen Einnahmeverlust von über 80% zugefügt. Die Einsprüche und Klagen dagegen laufen bis heute. Die Einnahmen der “E-Musik“-Komponisten sind im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken.

Walter Thomas Heyn ist als Komponist übrigens ein Vertreter der „E-Musik“. Das aber nur nebenbei. Die GEMA hat sich in den letzten Jahren ja wirklich alle Mühe gegeben, einen Spitzenplatz in der Hitliste der unbeliebtesten Organisationen zu erobern. Und wenn Heyn seinen Text nun beispielsweise als fundierte GEMA-Kritik aufgezogen, mit Insiderwissen angereichert und vielleicht sogar mit konkreten Verbesserungsvorschlägen versehen hätte, dann wäre das möglicherweise ein hilfreicher Beitrag zur GEMA-Diskussion gewesen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

So ist es jedoch nur ein großes Durcheinander von Themen und Schlagworten, und man fragt sich: Wie passt das alles zusammen? Was haben die internen Verteilungsschlüssel einer Verwertungsgesellschaft mit den Piraten oder dem Urheberrecht zu tun? Wäre Musik besser oder billiger, wenn die Gelder unter den Urhebern anders verteilt würden? Und ist das nicht überhaupt eher ein kartellrechtliches Problem?

Fragen über Fragen. Die entscheidende: Was genau will uns der Autor mit seinem Text sagen? Man könnte die Frage aber genauso gut Malte Welding stellen, der den Beitrag ja auf seinem Blog veröffentlicht und als „lesenswerten Text“ beworben hat.

8 comments

  1. soulless

    Jeder, wirklich jeder, den es interessiert weiss wie man nach mp3 auf Filehostern sucht und jdownloader verwendet. Trotzdem steigen die Umsätze der MI mit legalen, bezahlten Downloads. Es gibt sie zu akzeptablen Preisen ohne DRM und darum werden sie gekauft.
    Die Menschen sind bereit für Kunst zu bezahlen wenn sie diese so bekommen wie sie sie wollen, das ist ganz offensichtlich.
    Der riesengrosse Nachteil daran das P2P mit dem Abmahnwahn in D nehezu unmöglich gemacht wurde ist das jetzt irgendwelche Filehoster und Linkseiten mit Werbung Geld verdienen an etwas an dem sie keine Rechte haben.
    P2P zu legalisieren hätte als einzige Folge das diese Filehoster kein so gutes Geschäft mehr machen. Ansonsten würde sich gar nichts ändern. Die Menschen, die für Kunst bezahlen werden auch weiterhin für Kunst bezahlen für die sie zu zahlen bereit sind. Es ist Aufgabe der Künstler den Menschen etwas zu bieten für das sie gerne zahlen.
    Bei einer Entkriminalisierung von P2P würden nur Juristen und Filehoster verlieren. Und das fände ich mal gar nicht traurig.

    • Der Copytexter

      „Jeder, wirklich jeder, den es interessiert weiss wie man nach mp3 auf Filehostern sucht und jdownloader verwendet.“

      Genau, jeder, den es interessiert und der sich damit befasst. Es interessiert aber die meisten Normal-User schon deshalb nicht, weil sie wissen, dass es illegal ist. Ob du es glaubst oder nicht: Ich weiß nicht mal, was „jdownloader“ ist, und das, obwohl ich schon über 15 Jahr im Netz unterwegs bin. Es interessiert mich einfach nicht. Ich kenne iTunes, das genügt mir. ;-)

      Und so denken tatsächlich die meisten Normal-User.

      „Die Menschen sind bereit für Kunst zu bezahlen wenn sie diese so bekommen wie sie sie wollen, das ist ganz offensichtlich.“

      Sie bekommen es doch. Also, ich jedenfalls. Wenn ich einen Song öfter hören möchte, dann gehe ich zu iTunes und lade ihn mir für 99 Cent herunter. Bei Filmen und Büchern genauso. Was denn noch?

      Der so genannte Abmahnwahn ist in der Tat ein Ärgernis. Aber durch die Deckelung auf 50 Euro ist ja auch da schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung getan. Wer illegales Filesharing aber fortwährend oder in großem Stil betreibt, der kann nicht auf meine Solidarität hoffen.

      Denn es kann doch keinen Anspruch auf bestimmte Songs oder Filme zu einer bestimmten Zeit auf eine bestimmte Art und Weise zu einem bestimmten Preis geben. Ist es lebensnotwendig, den neuesten Blockbuster aus den USA zu sehen, bevor er hier auf DVD erscheint? Dafür stellen wir das Urheberrecht in Frage, mit allen Konsequenzen, die daran hängen?

      „Bei einer Entkriminalisierung von P2P würden nur Juristen und Filehoster verlieren. Und das fände ich mal gar nicht traurig.“

      Entkriminalisierung klingt viel besser als Legalisierung. Denn bei letzterer steht für mich außer Frage, dass genau das passieren würde, was ich oben im Texte beschreibe. Deshalb gibt es ja auch die Diskussion um die Kulturflatrate, die von vielen ja quasi als Kompensation gedacht ist. Aver das ist wieder ein anderes Thema.

      • soulless

        Und nur jeder den es interessiert wird auch nach einer Entkriminalisierung nur P2P nutzen. P2P wird auch danach Schmuddelecke bleiben. Virengefahr, miese Qualität, anderer Name als Inhalt und ähnliches wird nicht verschwinden.
        Also werden die Normaluser weiterhin das normale, legale Angebot nutzen, sofern sie dort auf einfache Art und Weise bekommen was sie wollen.

        Und Fakt ist nunmal das der illegale Markt sich nichtmal durch eine Totalüberwachung aller User austrocknen lassen wird. Der wird sich nur austrocknen lassen wenn man dem ein legales Angebot entgegenstellt. Wenn die Menschen also den neuesten Blockbuster aus den USA als Download haben wollen dann bietet man ihn so an. Das ist wie bei der Drogenpolitik. Der Krieg gegen die Drogen hat nichts gebracht. Genausowenig wird der Krieg gegen P2P irgend etwas bringen ausser Kollateralschäden (Hier dann Überwachung aller).
        Die Deckelung ist meines Wissens 100 EUR und greift nicht wirklich:

        http://www.wkblog.de/gewerblicher-rechtsschutz/urheberrecht/deckelung-der-anwaltskosten-in-filesharing-fallen-ein-kommentar-zur-stellungnahme-der-kanzlei-schutt-waetke

        Was genau ist der Unterschied zwischen Legalisierung und Entkriminalisierung? In beiden Fällen ist es nicht verboten = Legal.
        Über eine Pauschalabgabe auf den Netzzugang, ähnlich der Abgabe auf Magnetbänder als schon einmal vom Untergang jeder Kultur wegen den Privatkopien geredet wurde, sollte man in jedem Fall reden.

      • Der Copytexter

        Aus Zeitgründen nur ganz kurz, sorry:

        Filesharing ist in der „Schmuddelecke“, weil es illegal ist und jeder, der es nutzt, befürchten muss, erwischt und zur Kasse gebeten zu werden. Das ist Fakt.

        Davon abgesehen lehne ich aber schon die deiner Argumentation zu Grunde liegende Idee ab, die Welt in clevere Filesharer und doofe Bezahler einteilen zu wollen. Letztere sollen gefälligst schön weiter löhnen, damit die anderen was haben, das sie kostenlos runterladen können.

        Wenn das die Antwort auf die „veralteten Geschäftsmodelle der Medienindustrie“ sein soll, dann kann ich nur sagen: Nee, danke.

      • soulless

        wo habe ich argumentiert die Welt so einzuteilen????

        Was ich sage ist das Filesharing ein Fakt ist. Der wird, ganz egal was man macht, nicht mehr verschwinden.

        Und auch die Filesharer zahlen fleissig. Bist Du alt genug Dich an die Zeit zu erinnern als man X Kassetten mit den kopierten Platten seiner Freunde hatte und trotzdem fast das ganze verfügbare Einkommen (Taschengeld, erstes Gehalt) für Künstler ausgegeben hat? Die Platten der Lieblingskünstler, T-Shirts, Konzerte etc. usw.

        Das ist heute nicht anders.

        Und in clevere Filesharer und dumme Bezahler wird nur jetzt aufgeteilt. Wer clever ist hat noch nie eine Abmahnung bekommen weil man weiss was man machen muss um die Gefahr erwischt zu werden auf nahe 0 zu reduzieren. Die Dummen allerdings werden erwischt und machen damit Juristen reich.

        Wenn das die Folgen des beharren auf die “veralteten Geschäftsmodelle der Medienindustrie” sind sage ich nur: Vielen dank, nur noch Content von Künstlern die dabei nicht mitmachen. Davon gibt es genug sehr guten
        … siehe z.B.:

        https://twitter.com/amandapalmer/status/212186824586702848

        und

        https://twitter.com/amandapalmer/status/212187531662458880

        So, jetzt wieder zu anderen Themen … Zeit ist auch hier kanpp :)

      • Der Copytexter

        Ach so, 100 Euro sind natürlich richtig. Das kommt davon, wenn man mal eben schnell … ;-)

        An der inhaltlichen Aussage ändert es aber natürlich nichts.

  2. _Flin_

    Seit wann herrscht denn auf dem subventionierten Kulturmarkt Angebot und Nachfrage?
    Was hat die Entrichtung von GEMA-Zwangsgeldern bei einer Aufführung denn mit Angebot und Nachfrage zu tun?
    Was haben Leermedien-Abgabe, Buchpreisbindung, GEZ und Rundfunkorchester, Filmförderung, Opern- und Theatersubventionen denn mit einem Markt zu tun?
    Was haben Country Codes bei DVDs/Blu-Rays und Monopolisierte Angebotsverknappung mit einem Markt zu tun?

    Rein gar nichts!

    Tausende Inseln der Seligen, besetzt von Besitzstandswahrern, die den Anderen mit Freuden das Geld aus der Tasche ziehen und das mit ihrer eigenen Unverzichtbarkeit begründen.

    • Der Copytexter

      Keine Ahnung, was du mir mit der wahllosen Aufzählung sagen willst. Quantität ist kein Ersatz für Qualität.

      Wenn wir aber mal im gegebenen Kontext des Artikels bleiben, dann gibt es natürlich einen Markt mit Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage allerdings nicht mehr mit Zahlung verbunden würde, dann gäbe es bald auch kein Angebot mehr.

      Mich hat jedenfalls noch keiner gezwungen, irgend ein Album, einen Film oder ein Buch zu kaufen. Ich hab’s ganz freiwillig getan.