Der kleine Unterschied

Wie cool ist das denn!? Da hatte ich meinen fest geplanten Besuch des Konzertes von Alanis Morissette im Juli hier in Spandau auf der Zitadelle kurzfristig zugunsten von Bob Dylan sausen lassen, der eine Woche vorher an selber Stelle spielte. Und nun erscheint eine Limited Edition* ihres neuen Albums mit zusätzlichen Songs und Videos von genau jenem Berliner Konzert, das ich verpasst habe. Extra für mich, quasi. Netter Zug. Danke.

Alanis Morissette bei ihrem Konzert auf der Zitadelle Spandau

Das neue Album „Havoc And Bright Lights“ selbst reißt mich allerdings nicht vom Hocker. Das Adjektiv, das mir nach dem ersten Hören spontan einfiel, war „nett“. Und das heißt ja selten etwas wirklich Gutes. Gefällige Kompositionen ohne Ecken und Kanten. „Langweilig“ wäre wohl zu hart, aber im Gegensatz zu früheren Alben gibt es auf „Havoc And Bright Lights“ keinen Song, der mich direkt angesprungen, geschüttelt und „Hör mir zu!“ gerufen hätte. Den als Single ausgekoppelten Opener „Guardian“ lasse ich mal außen vor, den kannte man halt schon. „Woman Down“ erinnert vom Sound her zwar an frühere Songs, hat aber nicht deren Authentizität. Der Rest plätschert so dahin. „Spiral“ wächst akustisch noch mal etwas heraus, ist aber auch nicht übermäßig originell. Was bleibt, ist Alanis’ tolle Stimme, aber selbst die kommt bei den netten, glattgebügelten Songs nicht mehr so richtig zur Geltung.

Mit der urwüchsig kraftvollen, ungebändigten Kreativität scheint es jedenfalls vorbei zu sein. Man gönnt ihr ja nichts Schlechtes, aber vielleicht muss Alanis Morissette erst wieder unglücklich werden, um noch mal zu musikalischer Höchstform auflaufen zu können.

Damit teilt sie übrigens das Schicksal mit anderen hervorragenden Songwritern wie Elton John, Roger Hodgson oder Billy Joel, die in der ersten Phase ihrer Karriere ebenfalls fantastische Songs produziert, sich danach aber nicht mehr wirklich weiter entwickelt, sondern nur noch den Massengeschmack bedient haben. Die Luft war bei allen irgendwann raus. Aber vielleicht ist das ja normal. Vielleicht ist es für viele tatsächlich irgendwann nur noch ein Job, den man mit Routine und mal mehr, mal weniger Begeisterung erledigt, so, wie andere regelmäßig ins Büro latschen.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, der den Unterschied zwischen den vielen guten und den wenigen wirklich großen Musikern wie Paul McCartney, Eric Clapton oder Bob Dylan ausmacht.

* Bei iTunes heißt die Limited Edition „deluxe edition“ und kostet nur die Hälfte (12,99 €) der „Hardware“-Version.

 

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